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Gesundheit/Medizin Wissenschaft/Forschung

Verbesserte Ernährung für sehr leichte Frühchen

In der Frühgeborenen-Station des Wiener Allgemeinen Krankenhauses wurden, unterstützt vom Wissenschaftsfonds FWF, zwei Varianten intravenöser Ernährung verglichen. Die Studie konnte bei sehr leichten Babys im Brutkasten keine Verbesserung in Hinblick auf Gallenkomplikationen zeigen, wohl aber reifere Gehirnströme. 

 

Komplikationen sind gleichsam täglich Brot in der Neonatologie. Wenn ein Baby viel zu früh auf die Welt kommt, sind seine Organe nicht ausgereift, seine Gesundheit und Körperfunktionen entsprechend fragil. Lungenschwäche, Gehirnblutung, Leber- und Darmprobleme sowie bakterielle Infektionen gehören zu den typischen Krankheitsbildern. Entsprechend alert, nervenstark und einfühlsam muss das medizinische Personal im Dienst sein. Dennoch überstehen heute Frühchen geboren ab der 23. Schwangerschaftswoche die schwierigen Wochen im Brutkasten meist ohne bleibende Schäden. In der Frühgeborenen-Station des Wiener Allgemeinen Krankenhauses (AKH) haben Kinderarzt Andreas Repa und sein Team, unterstützt vom Wissenschaftsfonds FWF, die bisher größte klinische Ernährungsstudie nach den strengsten Methoden (randomisiert und verblindet) mit Frühgeborenen unter einem Kilo Geburtsgewicht durchgeführt. Verglichen wurden zwei zugelassene Fettlösungen für die Ernährung über eine Venensonde in Hinblick auf eine typische Komplikation im Zusammenspiel von Galle und Leber (Cholestase) der Frühgeborenen.

Von der Nährlösung zur Muttermilch in kleinen Schritten

Im Brutkasten muss die Ernährung mit Muttermilch schrittweise etabliert werden. Um die früh geborenen Babys zunächst mit lebenswichtigen Fetten, Eiweiß, Zucker und Elektrolyten zu versorgen, wird neben einer Magensonde auch ein Venenzugang für die Ernährung gelegt. Zunächst läuft der Großteil der Ernährung über die Infusion. “Im Verlauf von Wochen sollten die Frühchen soweit aufgebaut sein, dass diese entfernt werden kann und die Kinder ausschließlich Muttermilch über die Magensonde bekommen. Wenn die Kinder aufgrund von Komplikationen lange über die Infusionen ernährt werden, steigt das Risiko für eine Cholestase, einen Gallerückstau in der Leber”, erklärt Andreas Repa. Muss die Nährlösung lange verabreicht werden, könnte die Art der verabreichten Fette einen Unterschied machen, so die These des Forscherteams im AKH. In einer Studie verglich das Team um Andreas Repa daher das seit Jahren verwendete Präparat auf Basis von Sojaöl mit einem Präparat aus Sojaöl, Kokosöl, Olivenöl und Fischöl. Es galt herauszufinden, ob ein Umstieg sich positiv auf die Komplikationsrate von Cholestasen auswirken könnte.

Studie ohne zusätzliche Blutabnahmen

“Wir haben die Babys nicht einmal mehr gestochen als vorgesehen”, berichtet der Kinderarzt. Studienrelevante Werte wurden nur im Rahmen routinemäßiger Blutabnahmen und EEG-Messungen erhoben. Das Team um Andreas Repa überzeugte zwischen 2012 und 2015 mehr als 200 Eltern ihre Frühgeborenen mit unter einem Kilo Körpergewicht an der Studie teilnehmen zu lassen: 100 Babys bekamen das Sojapräparat, 100 Babys das gemischte Ölpräparat, wobei weder das medizinische Personal noch die Eltern wussten, wer was bekommt und negative Effekte ausgeschlossen waren, denn beide Präparate sind für Frühgeborene zugelassen. Die Menge der Fette über die Venensonde wurde nicht verändert, nur deren Zusammensetzung, um eventuell unbekannte positive Zusatzeffekte aufzudecken.

Signifikante Effekte in Gehirn statt Galle 

Für die alternative Nährlösung konnte keine signifikante Verbesserung in Hinblick auf Gallenkomplikationen gezeigt werden. Eine Überraschung zeigte sich aber im EEG: “Babys, die das gemischte Präparat bekommen hatten, zeigten rascher reifere Gehirnströme. Wir führen das auf den höheren Gehalt an DHA zurück. Diese Omega-3-Fettsäure wird im Mutterleib massiv in Netzhaut und Gehirn der Embryos geleitet und hilft beim Ausreifen dieser Organe”, erklärt der Projektleiter.

Basierend auf Erfahrungswerten der Abteilung für Neonatologie wurde angenommen, dass ein Viertel der frühen Frühgeborenen eine Cholestase bekommt. “Weil in der Kontrollgruppe mit der Sojalösung die Komplikationsrate im Verlauf der Studie abgenommen hat, waren unsere hohen Fallzahlen dennoch zu klein für ein statistisch eindeutiges Ergebnis. Die Cholestase trat in der Kontrollgruppe bei 16 Prozent der Frühchen auf, in der Gruppe mit dem neuen Produkt waren es 10 Prozent”, erklärt Andreas Repa. Das Ergebnis der begleitenden EEG-Untersuchungen war hingegen statistisch signifikant. In der Neonatologie des AKH ist man deshalb bereits auf das neue Präparat, das auch Fischöl enthält, umgestiegen. In einer Folgestudie würde sich Andreas Repa gerne etwaige positive Effekte der Fettsäure-Zusammensetzung genauer ansehen und sucht dafür bereits Kooperationspartner.

 

Zur Person
Andreas Repa (https://www.meduniwien.ac.at/hp/programs-endocrinology/supervisors-topics/repa-andreas/) ist Kinderarzt spezialisiert auf Neonatologie in der Klinischen Abteilung für Neonatologie, Pädiatrische Intensivmedizin und Neuropädiatrie der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde (AKH) in Wien. Im Rahmen des Doktoratsprogramms “Endokrinologie” der Medizinischen Universität Wien führt er klinische und präklinische Studien zur parenteralen Ernährung von Neugeborenen und (sehr leichten) Frühgeborenen durch.

Publikationen
Andreas Repa, Christoph Binder, Margarita Thanhäuser, Alexandra Kreissl, Eleonore Pablik, Mercedes Huber-Dangl, Angelika Berger, Nadja Haiden: A Mixed Lipid Emulsion for Prevention of Parenteral Nutrition Associated Cholestasis in Extremely Low Birth Weight Infants: A Randomized Clinical Trial (http://www.jpeds.com/article/S0022-3476(17)31505-6/abstract), in: The Journal of Pediatrics 2017

A lipid emulsion containing fish oil and brain maturation in extremely low birth weight infants – secondary analysis of a randomized clinical trial. (Manuscript in preparation).

Andreas Repa, Ruth Lochmann, Lukas Unterasinger, Michael Weber, Angelika Berger, Nadja Haiden: Aggressive nutrition in extremely low birth weight infants: impact on parenteral nutrition associated cholestasis and growth (https://peerj.com/articles/2483/), in: Peer J 2016

Andreas Repa, Margarita Thanhaeuser, David Endress, Michael Weber, Alexandra Kreissl, Christoph Binder, Angelika Berger, Nadja Haiden: Probiotics (Lactobacillus acidophilus and Bifidobacterium infantis) prevent NEC in VLBW infants fed breast milk but not formula (https://www.nature.com/articles/pr2014192), in: Pediatric Research 2015

 

Bild und Text ab Mittwoch, 27. Dezember 2017 ab 9.00 Uhr MEZ verfügbar unter: http://scilog.fwf.ac.at 

 

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Ass.-Prof. PD Dr. Andreas Repa
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Bildung/Schule Wissenschaft/Forschung

Unbedingt, Ernst Toller

Ernst Toller war Revolutionär, Literat, Politiker und ein unermüdlicher Briefschreiber. Die gesammelte Korrespondenz zwischen 1915 und 1939 ist nun, unterstützt durch den Wissenschaftsfonds FWF, editiert und kommentiert worden. Sie öffnet ein Zeitfenster von 24 Jahren in Zeiten radikalen Umbruchs.

 

Direkt und unumwunden – So ist der deutsche Schriftsteller und Dramatiker Ernst Toller (1893-1939) und so schreibt er. Etwa am 13. Mai 1939 in New York an Hubertus Prinz zu Löwenstein: “Zuverlässige Freunde berichten, dass der Schriftsteller Walter Mehring sich in größtem Elend befindet und nahe dem Verhungern ist. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wer Walter Mehring ist. Wie ich höre wird die Frage eines Stipendiums für ihn erörtert. Ich empfehle ihn aufs wärmste und dringendste.

Dies ist bei weitem nicht das einzige Schreiben des umtriebigen Autors und Politikers im Hauptnebenfach, in dem er sich für andere einsetzt. 1.665 Korrespondenzen vom Brief über die Feldpostkarte bis hin zum Telegramm haben Irene Zanol, Gerhard Scholz, Veronika Schuchter und Martin Gerstenbräun von der Innsbrucker Toller-Forschungsstätte unter Leitung von Stefan Neuhaus in Hunderten Archiven gesucht, gefunden, gesichtet, editiert und kommentiert. Jetzt steht das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt “Kommentierte Ausgabe der Briefe Ernst Tollers” kurz vor dem Druck.

Einheit aus Person und Autor

“Prinzipiell gilt”, sagt Neuhaus, Literaturwissenschafter an der Universität Koblenz, “dass Autor und Werk voneinander verschieden sind.” Da ist die Privatperson eines Schriftstellers. Dort ist das Werk, eine Inszenierung. Nicht nur das Werk, auch die Zwischenräume werden von der Literaturwissenschaft erforscht. Von Shakespeare, meint Neuhaus, wisse man verbrieft, dass es ihn als Person, als Menschen gab. Ob das Werk tatsächlich von ihm stamme, werde hingegen immer wieder infrage gestellt. Und ließe sich auch nicht endgültig beantworten.

“Bei Toller ist das anders”, erklärt Neuhaus dann. Bei ihm fallen privates und öffentliches Leben, Autor und Politiker, zusammen. Sie sind eins und damit eine Fundquelle für Soziologinnen und Soziologen, Zeithistorikerinnen und Zeithistoriker, für Literaturwissenschafterinnen und -wissenschafter und Literaturinteressierte gleichermaßen.

“Tagebücher und Briefe”, sagt Neuhaus, “sind zum Verstehen der Zeit unentbehrlich.” Ernst Tollers Dokumente stechen heraus, sie liefern einen einzigartigen Einblick in die Sozialgeschichte der Weimarer Republik und in die Situation des Exils.

Jahre unter Strom

Toller hat es toll getrieben. 1918/19 spielt er eine zentrale Rolle in der kurzlebigen bayerischen Räterepublik, als die “Dichter an die Macht” gelangten (das gleichnamige Buch Volker Weidermanns ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen). Vor dem Standgericht droht ihm, dem Kommunisten und Juden, dem Roten, wie anderen die Todesstrafe. Doch davor bewahrt ihn sein Ruf als Schriftsteller, der Einsatz seines Lehrers Max Weber, der ihn einen Gesinnungsethiker nennt. Es kommt zu fünf Jahren Festungshaft anstelle des Todes. Eine vorzeitige Enthaftung (wiederum seines literarischen Schaffens wegen) lehnt er ab, wenn nicht alle Mitgefangenen in den Genuss der Amnestie kämen – er bleibt in Haft. 1932 verlässt er Deutschland, gerade noch rechtzeitig. Im Jahr darauf werden seine Werke im NS-Reich verboten und verbrannt.

Währenddessen schreibt Toller ununterbrochen. Und er korrespondiert: Mit W.H. Auden, mit Albert Einstein, Hermann Hesse, Egon Erwin Kisch, Karl Kraus, Klaus und Thomas Mann, mit Erich Mühsam und Franklin D. Roosevelt, Jawaharlal Nehru und Leo Trotzki. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt. Eine Ahnung allenfalls.

Frei von Ballast

“Es ergibt sich ein neuer Blick auf Toller”, sagt Neuhaus, der bereits die “Kritische Ausgabe der Werke Ernst Tollers” betreut hat. “Ich habe Toller in seiner Unbedingtheit kennen gelernt.” Als literarischen, nicht nur politischen Autor. Als jemanden, der sich ungebrochen für andere einsetzt: für Carl von Ossietzky, Walter Mehring, für all jene, die seiner Unterstützung bedürfen oder bedürfen könnten. Es sind schnörkellose Schreiben, präzise und frei von Ballast.

Immer souveräner und klarer seien seine Briefe geworden, stellt der Literaturwissenschafter fest. Am 22. Mai 1939 wählt Toller den Freitod. “Eine Kurzschlusshandlung”, ist Neuhaus überzeugt. Eine, die sich aus seinen Briefen nicht erklären lässt.

 

Zur Person
Stefan Neuhaus (https://www.uni-koblenz-landau.de/de/koblenz/fb2/inst-germanistik/mitarbeiter/stefan-neuhaus) ist nach Stationen als Wissenschaftlicher Assistent, Gastprofessor und Professor an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, der University of the South (USA), der Universität Innsbruck und der Universität Oldenburg seit 2012 Professor für Neuere deutsche Literatur  an der Universität Koblenz-Landau.

Publikationen
Ernst Toller: Briefe 1915 – 1939. Kritische Ausgabe (http://www.wallstein-verlag.de/9783835330726-ernst-toller-briefe-1915-1939.html). Hrsg: Stefan Neuhaus, Martin Gerstenbräun, Kirsten Reimers, Christiane Schönfeld, Gerhard Scholz, Veronika Schuchter u. Irene Zanol, unter Mitarbeit von Peter Langemeyer, 2 Bände, Göttingen: Wallstein (ab Feb. 2018)

Ernst Toller: Sämtliche Werke. Kritische Ausgabe (http://www.wallstein-verlag.de/9783835313354-ernst-toller-saemtliche-werke.html). Hrsg: Stefan Neuhaus, Dieter Distl, Martin Gerstenbräun, James Jordan, Stephen Lamb, Peter Langemeyer, Karl Leydecker, Michael Pilz, Kirsten Reimers, Christiane Schönfeld, Gerhard Scholz, Rolf Selbmann, Thorsten Unger u. Irene Zanol, 5 Bände, Göttingen: Wallstein 2015

 

Bild und Text ab Montag, 18. Dezember 2017 ab 9.00 Uhr MEZ verfügbar unter: http://scilog.fwf.ac.at 

 

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Wissenschaft/Forschung

Von der Angst zur Annäherung

Eine Salzburger Forschergruppe um die Psychologin Eva Jonas untersucht die neuropsychologischen Mechanismen, die hinter existenziellen Ängsten stecken. Was genau in dem Prozess zwischen Bedrohung und Verteidigung passiert, steht im Fokus einer aktuellen Studie, die vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert wird. 

 

Es ist ein interessantes Phänomen: Der Klimawandel wird immer deutlicher, die Bedrohung wächst und eigentlich wäre aktives Handeln gefragt. Tatsächlich legen aber die meisten Menschen Vermeidungsverhalten an den Tag, wenn es um große und existenzielle Bedrohungen geht. “Man weicht dann eher aus und reagiert indirekt”, schildert die Psychologin Eva Jonas. Statt den Lebensstil zu ändern und sich der Situation zu stellen, reagieren viele Menschen mit Unmut auf andere Gruppen. Doch was hilft die Abwertung einer anderen Kultur beim Lösen des Klimawandels? – Nichts, denn das Problem ist nicht gelöst, indem man es unterdrückt oder “auslagert”, vielmehr wirkt es sich später aus. “Dieser Ethnozentrismus passiert nicht unmittelbar, wenn Menschen bedroht werden, sondern zeitlich verzögert. Das kommt irgendwann wieder hoch und führt dann zu diesen Verteidigungs- und Abwertungsreaktionen”, erklärt die Wissenschafterin der Universität Salzburg.

Wege aus der Angststarre 

Eva Jonas beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Fragen zu kollektiver Identität, Kontrollverlust und Ängsten und den psychologischen Prozessen, die dahinter liegen. Dabei verbindet sie sozialpsychologische Methoden mit neuropsychologischen Untersuchungen, um die Reaktionen des Körpers mit den Beobachtungen der Personen in Zusammenhang zu bringen. Die aktuelle Studienreihe zum Klimawandel ist dabei eine von mehreren Untersuchungen, die dem Team um Jonas weitere Bausteine liefern sollen zu dem, was die weltweite Forschung unter dem Begriff “Experimentelle Existenzielle Psychologie” versteht, die sich aus der “Terror-Management-Theorie” entwickelt hat. Eine der bisher noch unbeantworteten Frage dabei ist, wie der Prozess zwischen Bedrohung und Verteidigung abläuft. Antworten darauf soll nun das vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützte Projekt “Von der Angst zur Annäherung” liefern.

Fühlen sich Menschen existenziell bedroht, antwortet der Körper mit einer Art “Hemmungsreaktion”, die sich unter anderem in dem genannten Vermeidungsverhalten äußert. Der Körper verharrt dabei zunächst in einem Zustand der Irritation und Angst und braucht eine Neuorientierung. “Die eigene Kultur gut zu finden und gleichzeitig fremde Kulturen abzuwerten, kann diese notwendige kognitive Klarheit und Orientierung liefern”, erläutert Jonas. Diese Re-Orientierung brauche es, um wieder in die Handlung zu kommen. Der Hemmungszustand erklärt also, warum Personen nach Bedrohung sich durch Abwertung oder Abgrenzung verteidigen -, nämlich um sich wieder aus der Angststarre zu lösen und zu handeln. Wie das Ergebnis der Handlung ausfällt, hängt in weiterer Folge stark vom Kontext ab, in dem sich Menschen befinden – etwa von den Werten der Gruppe, der man sich zugehörig fühlt, von der vorherrschenden Kultur insgesamt oder auch von einzelnen Vorbildern.

Soziale Motivation als Prozessmodell

Dass Personen generell nach Bedrohung abwerten oder ein stärker konservatives Verhalten zeigen, könne man daher so nicht sagen, betont die Psychologin der Universität Salzburg. In ihren Untersuchungen haben die Forscherinnen und Forscher etwa nach erlebtem Kontrollverlust auch den Wunsch nach Veränderung beobachtet. “Es kommt immer darauf an, was die Situation erfordert und was zum Beispiel als gutes Verhalten gilt”, sagt Jonas und betont: “In Zeiten von Krisen und Terrorbedrohungen orientieren sich die Menschen stärker an den vorherrschenden Normen. Wir müssen daher als Gesellschaft aufpassen, welche Werte in der öffentlichen Diskussion dominieren.”

Um im Übergang von der Bedrohung zur Verteidigung nicht in der Angststarre zu verharren, muss bei der Handlungsfähigkeit angesetzt werden, wie Eva Jonas anhand eines Prozessmodells veranschaulicht, das ihr Team im aktuellen FWF-Projekt entwickelt hat. Die Forscherinnen und Forscher wollen herausfinden, welche Voraussetzungen für einen konstruktiven Umgang mit Bedrohungen notwendig sind, und wie sich etwa gezielt aktivierte Handlungsmotivation auswirkt. “Zunächst gilt es zu akzeptieren, dass Menschen das verteidigen, was ihre Kultur ausmacht, um sich daran zu orientieren. Dann aber gibt es einen Spielraum, in dem deutlich gemacht werden kann, wodurch sich diese Kultur definiert: Will ich den Fokus eher auf das Ausschließende oder auf das Integrierende richten.” Besonders wichtig sei dabei, so die Psychologin, die Menschen bei ihrer Angst abzuholen beziehungsweise sensibel dafür zu sein, wenn sie in die Angst abfallen und im “Hemmungsmodus” feststecken.

Sicherheit als Voraussetzung für Handlungsfähigkeit

Angela Merkels “Wir-schaffen-das”-Kultur beispielsweise habe hier zwar angesetzt, indem eine Situation, die Angst macht (der Flüchtlingszuzug), von der deutschen Kanzlerin als Herausforderung proklamiert wurde. Das alleine war jedoch zu wenig. “Einige haben ihre Zuversicht geteilt, andere sind in die Angst abgerutscht und dann starr geworden und haben schließlich mit Widerstand reagiert”, analysiert Jonas. “Daher muss man überlegen, was den Menschen zunächst Sicherheit gibt, um sie in die Zuversicht zurück zu holen und ihnen dann Gestaltungsräume bieten. In diesem Prozess braucht es Sicherungsnetze”, betont die Wissenschafterin. “Dann kann ich die Handlungsfähigkeit über einen konstruktiven Weg erreichen.”

 

Zur Person
Eva Jonas (https://www.uni-salzburg.at/index.php?id=29460) leitet die Abteilung Sozialpsychologie an der Universität Salzburg. Die Wissenschafterin hat den Bereich der Terror-Management-Forschung, die sich mit dem Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit befasst, im deutschsprachigen Raum wesentlich mitgeprägt. Ihre Schwerpunkte sind soziale Kognition und Motivation unter dem Einfluss von Bedrohungen wie Kontrollverlust, Ungerechtigkeit und existenziellen Ängsten.

Publikationen
Uhl, I., Klackl, J., Hansen, N., & Jonas, E.: Undesirable effects of threatening climate change information: A cross-cultural study (http://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/1368430217735577?journalCode=gpia), in: Group Processes & Intergroup Relations, 2017

Agroskin, D., Jonas E., Klackl J. & Prentice, M.: Inhibition Underlies the Effect of High Need for Closure on Cultural Closed-Mindedness under Mortality Salience, (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5078785/) in: Frontiers in Psychology, 2016

Jonas, E., McGregor, I., Klackl, J., Agroskin, D., Fritsche, I., Holbrook, C., Nash, K., Proulx, T., & Quirin, M.: Threat and defense: From anxiety to approach, (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/B9780128000526000044) in: J.M. Olson & M.P. Zanna (Eds.), Advances in Experimental Social Psychology, San Diego, CA: Academic Press, 2014

Jonas, E., & Fritsche, I.: Destined to die but not to wage war: How existential threat can contribute to escalation or de-escalation of violent intergroup conflict, (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24128317) in: American Psychologist, 2013

 

Bild und Text ab Montag, 11. Dezember 2017 ab 9.00 Uhr MEZ verfügbar unter: http://scilog.fwf.ac.at 

 

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Energie/Natur/Umwelt Finanzen/Wirtschaft Wissenschaft/Forschung

Klima-Maßnahmen beeinträchtigen Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen nicht

Ein Forscherteam vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) untersuchte in einem vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Projekt, wie sich Klimaschutzmaßnahmen auf Unternehmen auswirken. Der Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit erwies sich dabei als vernachlässigbar, während die Wirksamkeit für die Umwelt bestätigt wurde. 

 

Die Zeit wird knapp: Erst kürzlich stellte die UNO fest, dass die Maßnahmen des Pariser Klimaschutzabkommens rasch umgesetzt werden müssen, um eine möglicherweise katastrophale Klimaerwärmung von über drei Grad Celsius zu verhindern. Technologisch zwar machbar, ist die Umsetzung jedoch eine sensible politische Aufgabe. Umweltauflagen, so heißt es, schaden der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Andererseits sind viele Unternehmen an CO2-sparenden Technologien interessiert und könnten von einer Umstellung womöglich sogar profitieren. Eine Forschungsgruppe um Michael Peneder versuchte nun, sich dieser Frage im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Projekts mit wissenschaftlichen Methoden zu nähern, mit zum Teil überraschenden Resultaten.

Unterschiedliche Hypothesen

“Es gibt hier zwei einander widersprechende Hypothesen. Die eine ist, dass die Umstellung auf grüne Energie der Wettbewerbsfähigkeit schadet, weil sie zusätzliche Kosten verursacht. Eine andere These, bekannt unter dem Namen Porter-Hypothese, besagt, dass Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil haben, wenn sie frühzeitig und schneller als die anderen strengeren Regulierungen und strengere Umweltgesetze einführen”, sagt Michael Peneder. Sein Team versuchte, den Wahrheitsgehalt dieser beiden gegensätzlichen Szenarien genauer zu beleuchten. Dazu befragte man über 4600 Unternehmen in Österreich, Deutschland und der Schweiz zu den Auswirkungen von Maßnahmen zur Erhöhung der Energieeffizienz sowie zur Einsparung von CO2. Es handelte sich um eine länderübergreifende Kooperation; Peneder leitete das österreichische Teilprojekt. Basierend auf diesen Daten wurde ein Modell erstellt: “Wir haben ein System aus mehreren Gleichungen aufgesetzt, mit dem wir versucht haben, Ursache-Wirkungs-Beziehungen abzubilden und diese möglichst eindeutig zu identifizieren.”

Neutraler Effekt

“Das Kernergebnis ist, dass es primär den ökologischen Erfolg gibt: Die Energieeffizienz der Unternehmen wurde erhöht. Gleichzeitig wurde die Wettbewerbsfähigkeit nicht messbar beeinträchtigt. Das heißt, entgegen diesen beiden Hypothesen ist der Effekt in Summe neutral.”

Für dieses eher überraschende Ergebnis hat Peneder mehrere Erklärungen: “Im Gros der Unternehmen haben die Energiekosten zwar einen substanziellen, aber keinen so großen Anteil an den Kosten”, sagt Peneder. Zudem seien Mehrkosten durch umweltpolitische Maßnahmen, etwa eine Erhöhung des Strompreises, für die im Wettbewerb stehenden Unternehmen zum Teil identisch. “Viele Branchen, etwa im Dienstleistungssektor, sind lokal tätig. Da trifft etwa ein Anstieg der Strompreise alle gleichermaßen, es gibt also keinen Wettbewerbsnachteil.” Und nicht zuletzt bringe Energieeffizienz langfristig Ersparnisse: “Gibt es etwa einen Kostenschub durch Gebäudesanierungen, so gleicht sich dieser Effekt teilweise durch geringere Energieaufwendungen aus”, erklärt Peneder.

Der Forscher betont, dass es sich um ein Ergebnis handelt, das viele unterschiedliche Branchen im Gesamten betrachtet. Für einzelne Wirtschaftszweige könne es durchaus Nachteile im Wettbewerb geben. “Kritisch ist es bei sehr energieintensiven Branchen, etwa bei der Stahlindustrie, oder eben auch im Transportsektor, und überall dort, wo diese noch dazu stark im internationalen Wettbewerb stehen.” Hier gebe es auch in bisherigen Regularien Ausnahme-Maßnahmen. “Gleichzeitig hat man den Effekt, dass Unternehmen – etwa die Voest Alpine – an Standorten wie Österreich, wo die Umweltstandards hoch sind, zu den Vorreitern gehören, was die Energieeffizienz betrifft. Die Zusatzkosten, die bei der Entwicklung innovativer Methoden und Verfahren entstehen, werden hier durch öffentliche Förderungen abgefedert, um einen gewissen Ausgleich zu schaffen”, betont Peneder.

Erstmals durchgeführt

Die in der Studie verwendeten Methoden fallen in das Gebiet der Mikroökonometrie. So bezeichnet man ökonomische Forschungen, die mit statistischen Methoden Zusammenhänge bis auf die Ebene von Unternehmen oder sogar Einzelpersonen untersuchen.

In diesem Bereich seien die durchgeführten Studien völlig neu, erklärt Peneder: “Mit einer so großen Stichprobe von Unternehmen aus drei verschiedenen Ländern, die nach einheitlicher Methode mit gleichen Fragen erhoben wurden, wurde das noch nie gemacht. Bisher hat man sich hauptsächlich mit aggregierten Daten, etwa dem Energieverbrauch beschäftigt”, so Peneder. Die Evidenz auf Unternehmensebene habe gefehlt. “Nun ließ sich erstmals eine verlässliche Verbindung zwischen der technologischen Seite und dem wirtschaftlichen Erfolg herstellen.” Die Ergebnisse dieses Grundlagenprojekts wurden in mehreren Fachjournalen veröffentlicht.

 

Zur Person
Michael Peneder (http://michael.peneder.wifo.ac.at/index.php?id=4) forscht am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung WIFO (http://www.wifo.ac.at). Er interessiert sich für Industrieökonomie, Unternehmertum und Innovation sowie für Strukturveränderung, Wachstum und Wettbewerb.

Publikationen
Michael Peneder, Spyros Arvanitis, Christian Rammer, Tobias Stucki, Martin Wörter: “Competitiveness and ecological impacts of green energy technologies: firm-level evidence for the DACH region” (http://www.wifo.ac.at/publikationen?detail-view=yes&publikation_id=60728), WIFO Working Papers 544, 2017

Michael Peneder: Competitiveness and Industrial Policy: From Rationalities of Failure towards the Ability to Evolve (https://academic.oup.com/cje/article-abstract/41/3/829/2625393), in: Cambridge Journal of Economics 41, 829-858, 2017

Arvanitis Spyros, Peneder Michael, Rammer Christian, Stucki Tobias & Martin Woerter: “Development and utilization of energy-related technologies, Economic performance and the role of policy instruments“, (http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0959652617309010), in: Journal of Cleaner Production, Volume 159, 47-61, 2017

Rammer Christian, Gottschalk Sandra, Peneder Michael, Wörter Martin, Stucki Tobias & Spyros Arvanitis: “Does energy policy hurt international competitiveness of firms? A comparative study for Germany, Switzerland and Austria“, (http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0301421517304160), in: Energy Policy, Volume 109, 154-180, 2017

 

Bild und Text ab Montag, 4. Dezember 2017 ab 9.00 Uhr MEZ verfügbar unter: http://scilog.fwf.ac.at 

 

Wissenschaftlicher Kontakt
Michael Peneder
WIFO – Öst. Institut für Wirtschaftsforschung
Arsenal, Objekt 20
1030 Wien
T +43 / 1 / 7982601-480
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W http://www.wifo.ac.at

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Gesundheit/Medizin Wissenschaft/Forschung

HIV-Infektion: Der kurze Moment des richtigen Augenblicks

Doris Wilflingseder untersucht in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt die Anfangsstadien der Ansteckung – den Zeitpunkt, zu dem das HI-Virus vom Immunsystem noch gestoppt werden könnte. 

 

„Seit über 30 Jahren wird das HI-Virus erforscht“, sagt Doris Wilflingseder, und seit dieser Zeit entzieht es sich einer effektiven Behandlung. „Das Virus mutiert unglaublich schnell, es spielt Katz und Maus mit uns“, führt die Forscherin an der Medizinischen Universität Innsbruck aus. Als Leiterin einer Forschungsgruppe arbeitet die Immunologin im Rahmen des vom FWF geförderten Projekts „HIV-Infektion und Übertragung nahe der Realität“ an der Beschreibung der Wechselwirkungen des Virus mit dem Immunsystem – bevor der Immundefekt Raum greift und eine Abwehr noch möglich ist oder wäre.

Der Erstkontakt als Angelpunkt

HI-Viren integrieren sich, das ist bekannt und macht sie so gefährlich, in das Erbgut der für die Immunantwort essenziellen T-Helferzellen. Anstatt dass diese Zellen die Eindringlinge effektiv bekämpfen, werden sie von den Viren ausgenutzt und unterstützen so die Attacken der Eindringlinge bis schlussendlich das Immunsystem zusammenbricht.

„Unser Ansatz ist nun, den Erstkontakt von Immunzellen der Schleimhaut und der Pathogene als Dreh- und Angelpunkt zu begreifen“, erläutert die Wissenschafterin. Sie setzt auf das Komplementsystem, jenen Teil der angeborenen Immunabwehr, der Krankheitserreger sofort zerstören kann. „Dieses System unserer Immunabwehr wird von den meisten anderen Forscherteams nicht bedacht, dabei ist es ein Schlüsselelement in der akuten Infektionsphase und kann zur erfolgreichen Bekämpfung beitragen“, erklärt Wilflingseder. Im Grunde geht es nun darum, dass das Komplementsystem die eindringenden HI-Viren ummantelt und solcherart für Immunzellen kennzeichnet. So können die Viren als Fremdkörper von den dendritischen Zellen wahrgenommen und verarbeitet werden. Diese Wächterzellen der Haut und der Schleimhäute greifen alles auf, was körperfremd scheint und liefern ihre „Beute“ den T-Helferzellen und T-Killerzellen gleichsam „frei Haus“.

Der Teufel im Detail

„Unsere Versuche und Untersuchungen haben gezeigt, dass Komplement-ummantelte HI-Viren besser von dendritischen Zellen erkannt und in weiterer Folge durch Effektorzellen besser bekämpft werden, als solche, die nicht immunologisch gekennzeichnet wurden.“ Auf Basis dieser Arbeit, die Wilflingseder in Zellkulturen durchgeführt hat, ist prinzipiell eine therapeutische Impfung denkbar – prinzipiell, denn der Teufel steckt im Detail; in diesem Fall in dem Umstand, dass das Zeitfenster, das zur Verfügung steht, nur zwei Wochen dauert. „Anschließend treten HIV-spezifische Antikörper auf, die das Virus zwar erkennen, aber in dieser Phase nicht neutralisieren. So wird die Immunantwort, die durch die dendritischen Zellen vermittelt wird, wieder verändert, da andere Rezeptoren auf den Zellen stimuliert werden“, stellt Wilflingseder fest.

„Ziel unserer Forschung ist es nun, ein besseres Verständnis des Immunsystems und dieser Ummantelungsvorgänge vor allem zu Beginn der Infektion zu erhalten und dadurch doch Wege zu finden, das Immunsystem auch in der chronischen Phase der HIV-Infektion zu stärken“, relativiert Wilflingseder vorschnelle Hoffnungen auf eine Therapie.

Das Potenzial neuer Modelle

Manifeste Erfolge und Fortschritte sieht sie auf einem anderen Gebiet. Doris Wilflingseder hat ihre Forschungsarbeit mit Hilfe von Zellkulturen begonnen und verfeinert. „Zellkulturen sind oft sehr einfach. Komplexere Strukturen, wie wir sie in unterschiedlichen Geweben vorfinden, fehlen ihnen“, fasst sie zusammen. Dieser Nachteil wurde lange Zeit durch Tierversuche umgangen. „Jetzt erarbeiten wir aber wirklich gute 3D-Modelle. Durch gezüchtete 3D-Strukturen und Organoide ändern sich die Voraussetzungen zusätzlich.“

Tierversuche, ist die Forscherin überzeugt, sind nicht nur fraglich, sie sind oftmals ersetzbar. „Ich arbeite eng mit Physiologen und Bio-Informatikern an der Entwicklung von 3D-Kulturen zusammen.“ Sie bringt dabei ihr Wissen und ihr Gespür für Zellkulturen ein. „Das Gespür für den Moment, in dem man die Medien wechselt, wann man Proben nimmt, ist wichtig.“ Diese Zeitpunkte, betont die Forscherin, folgen häufig keinem fixen Schema. Dazu braucht es Erfahrung und Kreativität, „wie beim Kochen, denn es fällt auf, dass Personen, die kochen können und backen, auch ein Gespür für Zellkulturen haben“. Mit Hilfe der neuen Modelle lassen sich dann Krebserkrankungen ebenso wie HIV-Infektionen besser und vor allem im menschlichen System untersuchen – und schließlich auch behandeln.

 

Zur Person
Doris Wilflingseder (https://www.i-med.ac.at/hygiene/forschungwilflingsederstartseite.html.de) ist promovierte Biologin und nach diversen Stationen u.a. als Visiting Scientist am University College London nun als Assoziierte Professorin in der immunologischen Grundlagenforschung an der Medizinischen Universität Innsbruck tätig. Seit 2012 ist Doris Wilflingseder stellvertretende Direktorin der Sektion für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie.

Publikationen
Chandorkar P, Posch W, Zaderer V, Blatzer M, Steger M, Ammann CG, Binder U, Hermann M, Hörtnagl P, Lass-Flörl C, Wilflingseder D: Fast-track development of an in vitro 3D lung/immune cell model to study Aspergillus infections (https://www.nature.com/articles/s41598-017-11271-4), in: Scientific Reports 2017, http://doi.org/gbx4sx

Posch W, Steger M, Knackmuss U, Blatzer M, Baldauf HM, Doppler W, White TE, Hörtnagl P, Diaz-Griffero F, Lass-Flörl C, Hackl H, Moris A, Keppler OT, Wilflingseder D: (2015). Complement-Opsonized HIV-1 Overcomes Restriction in Dendritic Cells (http://journals.plos.org/plospathogens/article?id=10.1371/journal.ppat.1005005), in: PLoS Pathogens 2015, http://doi.org/f3sv6z

Wilflingseder D, Schroll A, Hackl H, Gallasch R, Frampton D, Lass-Flörl C, Pancino G, Saez-Cirion A, Lambotte O, Weiss L, Kellam P, Trajanoski Z, Geijtenbeek T, Weiss G, Posch W: Immediate T-Helper 17 Polarization Upon Triggering CD11b/c on HIV-Exposed Dendritic Cells (https://academic.oup.com/jid/article/212/1/44/1844758), in: Journal of Infectious Diseases 2015, http://doi.org/f3ss89

 

Bild und Text ab Montag, 27. November 2017 ab 9.00 Uhr MEZ verfügbar unter: http://scilog.fwf.ac.at 

 

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Gesundheit/Medizin Wissenschaft/Forschung

Ein Protein zeigt höhere Brustkrebs-Sterblichkeit

An der Medizinischen Universität Graz wurde, unterstützt vom Wissenschaftsfonds FWF, ein Biomarker für Brustkrebs mit schlechten Heilungschancen gefunden und gleich zwei praktikable Nachweismethoden für Gewebeproben entwickelt. 

 

Brustkrebs ist der häufigste bösartige Tumor bei Frauen weltweit. In Österreich erkranken knapp 5.500 Frauen jährlich an dieser Krebsart und 1.500 sterben trotz Früherkennung daran. Wenn ein Knoten in der Brust aufgespürt wird, ist eine Biopsie der nächste Schritt in der klinischen Praxis. Gegen die bangen Stunden bei den betroffenen Frauen gibt es kein Rezept. Die Gewebeprobe gibt weitere Hinweise für Diagnose und Behandlung. Wenn der Brusttumor bösartig ist, wird gleich der Subtyp mitbestimmt. Je nach Tumor-Subtyp kommen unterschiedliche Behandlungsmethoden infrage. „Mit der Patientin wird nach der Analyse im interdisziplinären Tumor-Board besprochen, welche Therapien zur Verfügung stehen und, wenn gewünscht, die Chance auf Heilung diskutiert“, erklärt Krebsmediziner Thomas Bauernhofer von der Universitätsklinik Graz.

Parallel dazu hat der Onkologe, unterstützt vom Wissenschaftsfonds FWF, an der Medizinischen Universität Graz einen Biomarker untersucht, der auf schlechtere Heilungschancen von Brustkrebs-Patientinnen hinweist. In fünfjähriger Forschungsarbeit gelang in enger Abstimmung mit den Instituten für Biophysik und Pathologie im Haus der Nachweis: Ein höherer Gehalt von GIRK1-Protein zeigt eine höhere Rückfallhäufigkeit und Sterblichkeit von Patientinnen mit dem hormonabhängigen Tumor-Subtyp (ER+) nach der Operation des Brustkrebs an.

Baustein eines Ionenkanals als Biomarker 

Das Protein GIRK1 ist einer von zumindest zwei benötigten Bausteinen, die funktionstüchtige Kalium-Ionenkanäle in der Zellmembran aufbauen. Solche Ionenkanäle sind in Herz, Hirn oder Bauchspeicheldrüse des Menschen unverzichtbar und sorgen etwa dafür, dass das Herz schlägt. Eine wissenschaftliche Publikation mit kleiner Fallzahl, die GIRK1 in Brustkrebs fand, brachte das Team auf die Spur des Proteins als Biomarker. Zunächst wurde eine große Menge Messenger RNA (mRNA), eine Vorstufe zur Herstellung des GIRK1-Proteins, in Brustkrebs-Zelllinien und -Gewebe nachgewiesen. Durch die Korrelation von Gewebeproben und genetischen Profilen von Brust-Tumoren mit den Überlebensdaten der Frauen, können nun besonders gefährdete Patientinnen identifiziert werden: „Brustkrebs-Patientinnen mit einem Östrogenrezeptor-positiven (ER+) Tumor sprechen gewöhnlich gut auf eine Hormonbehandlung an. Wenn der ER+-Tumor jedoch viel GIRK1 erzeugt, haben die Patientinnen eine geringere Überlebenswahrscheinlichkeit“, erläutert Thomas Bauernhofer. Bei zirka 60 Prozent aller Patientinnen mit Brustkrebs wird ein ER+-Tumorsubtyp festgestellt.

Im Rahmen des FWF-Projekts wurden zwei Methoden entwickelt, um die übersteigerte GIRK1-Produktion in Gewebeschnitten nachzuweisen. Viele Monate suchte das Team nach einer geeigneten Färbemethode mittels Immunhistochemie. Von der nun erfolgreich etablierten Methode profitieren auch Forscherinnen und Forscher, die sich mit dem GIRK-Ionenkanal in anderen Kontexten beschäftigen. Die zweite Nachweismethode (Fluoreszenz In-situ-Hybridisierung) ermöglicht es sogar, die Expression der GIRK1-mRNA im Tumorgewebe mit automatischer Bildanalyse zu bestimmen.

Welche Gene arbeiten parallel? 

In einer Gencluster-Untersuchung wies das Grazer Team zudem nach, dass neben dem Gen für GIRK1 drei weitere im Tumor sehr aktiv werden. „Zwei Gene sind mit einem Östrogenrezeptor assoziiert, ein weiteres mit dem Angiotensin II Rezeptor“, beschreibt Thomas Bauernhofer. Die höhere Sterblichkeit der Frauen mit Östrogenrezeptor-positivem Tumor und hoher GIRK1-Expression könnte mit einer schlechteren Wirkung der Hormontherapie oder einer höheren Metastasierungsfähigkeit zu tun haben. GIRK1 könnte aber auch ein neues Behandlungstarget werden. Die Zusammenhänge möchte Thomas Bauernhofer nun genauer klären: „Es ist noch zu früh, den Biomarker bei jeder Biopsie mitzubestimmen. Unsere Ergebnisse haben noch keine therapeutischen Konsequenzen, aber um den Zusammenhang von GIRK1 mit der schlechten Überlebensrate müssen wir uns kümmern.“

 

Zur Person
Thomas Bauernhofer (https://forschung.medunigraz.at/fodok/suchen.person_uebersicht?sprache_in=de&menue_id_in=101&id_in=90673454) ist Facharzt für Innere Medizin und Hämato-Onkologie an der Klinischen Abteilung für Onkologie (http://inneremedizin.uniklinikumgraz.at/onkologie/Seiten/default.aspx) der Universitätsklinik in Graz und stellvertretender  Abteilungsleiter. Er studierte Medizin an der Karl-Franzens-Universität in Graz und forschte am Pittsburgh Cancer Insitute (USA). Der Mediziner leitet gemeinsam mit Wolfgang Schreibmayer die Forschungseinheit zu Ionenkanälen Cancer Biology an der Medizinischen Universität Graz. Bauernhofer ist Mitglied der European Society for Medical Oncology.

Publikationen
Kammerer, S; Jahn, SW; Winter, E; Eidenhammer, S; Rezania, S; Regitnig, P; Pichler, M; Schreibmayer, W; Bauernhofer, T.: Critical evaluation of KCNJ3 gene product detection in human breast cancer: mRNA in situ hybridisation is superior to immunohistochemistry (http://jcp.bmj.com/content/69/12/1116), in: Journal of Clinical Pathology 2016; doi:10.1136/jclinpath-2016-203798

Kammerer, S; Sokolowski, A; Hackl, H; Platzer, D; Jahn, SW; El-Heliebi, A; Schwarzenbacher, D; Stiegelbauer, V; Pichler, M; Rezania, S; Fiegl, H; Peintinger, F; Regitnig, P; Hoefler, G; Schreibmayer, W; Bauernhofer, T.: KCNJ3 is a new independent prognostic marker for estrogen receptor positive breast cancer patients (https://doi.org/10.18632/oncotarget.13224), in: Oncotarget 2016; doi:10.18632/oncotarget.13224

Rezania, S; Kammerer, S; Li, C; Steinecker-Frohnwieser, B; Gorischek, A; DeVaney, TT; Verheyen, S; Passegger, CA; Tabrizi-Wizsy, NG; Hackl, H; Platzer, D; Zarnani, AH; Malle, E; Jahn, SW; Bauernhofer, T; Schreibmayer, W.: Overexpression of KCNJ3 gene splice variants affects vital parameters of the malignant breast cancer cell line MCF-7 in an opposing manner (https://bmccancer.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12885-016-2664-8), in: BMC Cancer 2016; 16:628-628; doi:10.1186/s12885-016-2664-8

 

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Sprachenstreit im Trommelfeuer

Elf Regimentssprachen und unzählige Dialekte: Die Armee der Habsburgermonarchie war ein Sprach-Babylon. Die Historikerin Tamara Scheer untersuchte in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt, wie Kaiser, Armee, Soldaten und Heeresbürokratie mit der Vielsprachigkeit umgingen. Ihr Resümee: Phantasievoll und flexibel.

 

Wer Deutsch spricht, steht loyal zu Österreich. Das klingt vertraut. Und ist doch alt. Mehr als 100 Jahre alt, um genau zu sein. “Mit dem Beginn des Krieges 1914 werden Sprachen und ihre Sprecher in loyal und illoyal eingeteilt”, schildert Tamara Scheer. Die Wiener Historikerin untersuchte im Rahmen des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projektes “Mehrsprachigkeit in der k.u.k. Armee und Zivilgesellschaft”, den Umgang mit der Sprachvielfalt in der alten Armee ab 1868.

Mit dem Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn wird in der gemeinsamen Armee auch der vielfältigen Sprachenwelt der Monarchie Rechnung getragen. Zwar ist die Kommandosprache Deutsch, so wie auch die Dienstsprache, die Regimentssprachen indes orientieren sich an den jeweiligen Landessprachen. “Elf Sprachen sind es, die in Verwendung sind”, schildert Scheer. Eine zwölfte kommt später hinzu. “Was damit bezweckt wurde, war, dass man den Soldaten die Möglichkeit geben wollte, sich in ihrer Sprache auszudrücken und während ihrer dreijährigen Dienstzeit keine andere oktroyiert zu bekommen”, erläutert Scheer.

Gut gemeint

Und: Es stand auch die Erwartung dahinter, dass dieses Entgegenkommen ein höheres Maß an Loyalität der Soldaten gegenüber Kaiser und König fördert. “In Friedenszeiten funktionierte das ganz gut”, sagt Scheer. Wenngleich es Rivalitäten gab, die eben über die Regimentssprachen ausgetragen wurden. Spricht ein Regiment in Galizien nun Polnisch oder Ruthenisch? Das könne sich von Jahr zu Jahr ändern, stellt die Historikerin fest. Denn Jahr für Jahr wurden die Sprachen erhoben. Und je nachdem, ob ein national gesinnter Pole oder ein national gesinnter Ruthene die Erhebung durchführt, kann sich das Ergebnis Jahr für Jahr anders ausnehmen. “Da wurden dann die Juden, die Jiddisch sprachen – welches nicht als Regimentssprache vorgesehen war – den Polen oder den Ruthenen zugerechnet.”

Nicht ideal

Das System stieß in einem Reich, in dem weite Gebiete zwei-, wenn nicht überhaupt mehrsprachig waren, bald an seine Grenzen (in der Vojvodina wurde neben Ungarisch auch Kroatisch, Serbisch und Deutsch gesprochen). Mehr noch, es förderte entgegen seiner Intention das Denken in nationalen Kategorien. Scheer: “Wer in Mähren, einem weitgehend zweisprachigen Raum, lebte und angab, von beiden Sprachen öfters Tschechisch zu sprechen, der kam in ein tschechisches Regiment.” Und wurde somit gleichsam zum Tschechen gemacht. Während sein Freund, sein Bruder in ein deutsches Regiment kam und zum Deutschen gemacht wurde.

“Das interessante ist”, berichtet Scheer, “dass die Unzulänglichkeiten des Systems wohl erkannt, aber nie behandelt wurden.” Niemand wollte daran rühren. Schon gar nicht der Kaiser, der sämtliche Entscheidungen an die Peripherie seines Beamtenapparates delegierte, an die 15 Korpskommandos –, um nicht angreifbar zu sein. Dadurch wurden sprachliche Unstimmigkeiten immer wieder von Fall zu Fall entschieden. Wodurch die Regeln immer wieder flexibel ausgestaltet wurden, was wiederum zur Resilienz des Konstrukts beitrug.

Misstrauen an der Front

Die große Belastungsprobe kam indes während des Krieges 1914-1918. Hier, berichtet Scheer, mischten sich die Sprachen auf den Schlachtfeldern Galiziens, Serbiens, Italiens und wo die K.-u.-k.-Armee sonst noch kämpfte. Hier fanden sich die Soldaten des Kaisers und Königs in einem Sprach-Babylon wieder. – Im gegenseitigen Un- und Missverständnis, dem tschechische, slowenische und kroatische Soldaten durch die Entwicklung eines “Armee-Slawisch” entgegenwirkten, welches auch viele Deutsche, Ungarn, Italiener und Rumänen beherrschten.

Fataler aber, so die Historikerin, die sich in dem FWF-Projekt durch Archive, Korrespondenzen und Tagebücher aller Sprachen und Regionen der alten Monarchie arbeitete, sei das Misstrauen gewesen, welches während des 1. Weltkrieges um sich griff. “Die deutsch sprechenden Österreicher unterstellten den Tschechen nicht treu zum Kaiser zu stehen”, erzählt Scheer. Schlimmer noch. Die Ruthenen wurden von den Polen verdächtigt und beschuldigt, Spione des Zaren zu sein. Und die Deutschsprachigen nahmen diesen Verdacht auf. Die Folge waren massive Verbrechen und Gräueltaten der Armee an der eigenen Zivilbevölkerung in Galizien. Es blieben nicht die einzigen. Und je länger der Krieg andauerte, desto offener wurden Vorbehalte gegenüber anderen Sprachen demonstriert. “Da gab es Akte der Missachtung, die in Friedenszeiten massiv geahndet worden wären”, sagt Scheer. Im Kriegsgetöse jedoch nicht mehr verfolgt wurden.

“Dabei hatte dieses System dazu geführt, dass man national gesinnter Tscheche und kaisertreu und loyal zur Armee sein konnte”, stellt Tamara Scheer fest. Durchaus im Sinne seiner Schöpfer. “Es gibt eben verschiedene Kategorien der Loyalität. Die Sprache allein ist kein ausreichendes Kriterium.”

Zur Person
Tamara Scheer (https://iog.univie.ac.at/ueber-uns/personal/research-fellows-und-projektmitarbeiter/tamara-scheer/) lehrt seit 2009 an der Universität Wien, seit 2012 war sie am Ludwig Boltzmann Institut für Historische Sozialwissenschaft finanziert durch ein Hertha-Firnberg- Stipendium des FWF tätig, und forscht seit Oktober 2017 mit einem Elise-Richter-Stipendium des FWF am Institut für Osteuropäische Geschichte (https://iog.univie.ac.at) der Universität Wien. Darüber hinaus war Scheer als Gastwissenschafterin an der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, an der European University in Florenz und am Trinity College Dublin tätig.

Publikationen und Beiträge
Konstruktionen von ethnischer Zugehörigkeit und Loyalität in der k.u.k. Armee der Habsburgermonarchie (1868-1914), in: Alexandra Millner, Katalin Teller (Hrsg.), Gemengelagen. Transdifferenz, Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns, transcript Verlag (Bielefeld) in der Reihe “lettre” 2017

Die k.u.k. Regimentssprachen: Eine Institutionalisierung der Sprachenvielfalt in der Habsburgermonarchie (1867/8-1914) in: Niedhammer, Martina/ Nekula, Marek et al. (Hg.), Sprache, Gesellschaft und Nation in Ostmitteleuropa. Institutionalisierung und Alltagspraxis. Göttingen 2014, 75-92

Habsburg Languages at War: “The linguistic confusion at the tower of Babel couldn´t have been worse”, in: Languages and the First World War (Volume 1: Languages and the First World War: Communicating in a Transnational War), ed. by Christophe Declercq & Julian Walker, Palgrave: Basingstoke 2016, 62-78

Mehr Informationen
https://univie.academia.edu/TamaraScheer

Bild und Text ab Montag, 6. November 2017 ab 9.00 Uhr MEZ verfügbar unter: http://scilog.fwf.ac.at

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Dr. Tamara Scheer
Institut für Osteuropäische Geschichte
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1090 Wien
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Bessere Einspritzdüsen für Dieselfahrzeuge

Um moderne Dieselfahrzeuge energieeffizient und sauber zu machen, braucht es unter anderem präzise steuerbare Einspritzdüsen, die mit Piezo-Kristallen arbeiten. Wie diese Kristalle im Detail funktionieren, war bisher nicht restlos geklärt. Eine Forschergruppe aus Leoben hat es nun in einem vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Projekt geschafft, diese Technologie verlässlicher und effizienter zu machen. Das ist auch für medizinische Anwendungen oder Energy Harvesting interessant.

 

Dieselfahrzeuge stehen derzeit wegen ihres Abgases unter heftiger Kritik. Stickoxide und Ruß trüben das verbreitete Bild des „sauberen“ Dieselmotors. Während der Anteil an Stickoxiden nur durch Zusatz von Chemikalien oder durch niedrigere Verbrennungstemperaturen und damit einhergehenden Verlust an Drehmoment reduziert werden kann, hängt die Ruß-Entwicklung von der Qualität des Verbrennungsvorgangs ab. Dafür genügt es schon lange nicht mehr, einfach zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas Kraftstoff einzuspritzen: Meist gibt die Einspritzdüse zuerst kleinere Mengen Diesel ab. Erst wenn diese sich entzündet haben, folgt der Rest des Treibstoffs. All das muss in Sekundenbruchteilen passieren, bei Common-Rail-Dieselmotoren sind dafür hochpräzise steuerbare Einspritzdüsen notwendig. Magnetische Ventile sind hier oft zu träge, zum Einsatz kommen in diesem Fall Piezo-Kristalle, eine Technologie, die wegen ihrer hohen Genauigkeit bisher in Uhren oder in der Elektronenmikroskopie eingesetzt wurde, wo es auf millionstel Millimeter ankommt.

Eine Forschergruppe vom Materials Center Leoben (MCL) um den Werkstoffwissenschaftler Marco Deluca hat es nun geschafft, Grundlagen zu entwickeln, um die in der Autoindustrie verwendeten Piezo-Bauteile effektiver und verlässlicher zu machen. In einem vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Projekt warf man dafür einen Blick tief ins Innere dieser Kristalle.

Besser als Quarz

Die wesentliche Eigenschaft von Piezo-Kristallen ist, dass sie sich ausdehnen, wenn eine elektrische Spannung angelegt wird. Umgekehrt entsteht Spannung, wenn man sie unter Druck setzt. Ein Piezo-Kristall kann also ein Ventil öffnen, wenn er elektrisch angeregt wird. Das bekannteste Material, das diese Eigenschaft besitzt, ist Quarz, der als Taktgeber in Uhren eingesetzt wird. In der Autoindustrie verwendet man keramische Materialien, die „ferroelektrisch“ genannt werden und etwas andere Eigenschaften haben, erklärt Marco Deluca: „Es gibt einen Unterschied zum Quarz. Wenn man Druck ausübt, erzeugt man elektrische Spannung. Beim Quarz lässt sich diese Eigenschaft allerdings nicht verändern. In ferroelektrischen Materialien hingegen kann auch die Richtung der Ausdehnung des Materials beeinflusst werden.“

Während die Atome in einem Quarz-Kristall sehr geordnet sind, bestehen ferroelektrische Keramiken aus winzigen sogenannten „Domänen“, die kleiner als ein Millionstel Millimeter sind. Wird eine genügend hohe Spannung angelegt, so „klappen“ diese Domänen um und richten sich aus. „Durch dieses Klappen der Domänen erreicht man bei gleicher Spannung eine höhere Ausdehnung als bei Materialien wie Quarz, die nur piezoelektrisch sind“, erklärt Deluca. Diese stärkere Ausdehnung ist für Einspritzdüsen wesentlich.

Untersuchung mit Laser- und Röntgenstrahlung

Common-Rail-Einspritzdüsen mit Piezo-Injektoren sind in der Autoindustrie seit einigen Jahren üblich, doch es gibt einige technische Probleme. Man kämpft mit Rissen in den Keramik-Elementen, weshalb diese unter einer gewissen Druck-Vorspannung verbaut werden. „Man hat außerdem beobachtet, dass die Performance besser wird, wenn man die Aktoren mit etwa 50 Megapascal Druck im Motor einbaut. Die Hersteller wussten aber nicht, warum“, sagt Deluca. Eine der Aufgaben des Projekts war, diesen Effekt besser zu verstehen. „Dazu haben wir kommerziell verfügbare Piezo-Aktoren in Aktion mit Laser-Raman-Spektroskopie und Röntgenmethoden untersucht.“ Für derartige Untersuchungen braucht es sehr genau fokussierbare hochenergetische Röntgenstrahlung, wie sie nur bei Teilchenbeschleunigern ähnlich jenen im Kernforschungszentrum CERN entsteht. Damit ließe sich das Material durchleuchten und die Positionen der Atome genau abbilden.

Deluca nutzte hierfür eine Zusammenarbeit mit der North Carolina State University, bei deren Teilchenbeschleuniger (Advanced Photon Source) die Messungen durchgeführt wurden. „Die Raman-Spektroskopie hingegen liefert die durchschnittliche Gitterorientierung, also die Orientierung der Domänen, im Mikrometer-Bereich und ergänzt deshalb die Röntgen-Experimente auf einer unterschiedlichen Längenskala. Ein derartiges Raman-Equipment gibt es bereits in Leoben“, erklärt Deluca.

Bei den Untersuchungen zeigte sich, dass die mechanische Vorspannung die Orientierung der Domänen verändert: Die Vorspannung ordnet die Domänen in eine bestimmte Richtung senkrecht zur elektrischen Feldachse. Wenn sie nun elektrisch angeregt werden, können mehr Domänen umklappen als ohne vorgelegte mechanische Spannung. „Dadurch erzeugt man eine größere Veränderung in der Länge des Materials“, so Deluca. Mit diesem Wissen habe man nun die optimale Vorspannung für die technische Anwendung bestimmen können.

Risse vermeiden

Ein weiteres Ziel des Projekts war es, die Rissbildung zu verhindern. „Die Rissbildung lässt sich stoppen, wenn man die ursprüngliche Orientierung der ferroelektrischen Domänen steuern kann.“ Dafür ist es nötig, abzubilden, in welche Richtung die Domänen orientiert sind. „Eines der Ziele unseres Projekts war, Methoden zu finden und zu verfeinern, die die Orientierung von ferroelektrischen Domänen messen können.“

Viele Anwendungen möglich

Dieses Wissen werde bereits industriell verwendet, berichtet Deluca. Nicht nur die Automobilindustrie ist an dieser Entwicklung interessiert, auch andere Technologiezweige setzen auf Piezoelektrizität. „Das Problem ist letztlich immer: Welche Orientierung ist die beste für die Anwendung? Wie lässt sich die Orientierung von Domänen verändern? Welche Belastung ist möglich, ohne sie zu zerstören? Das wird vor allem für Energy Harvesting oder für energieautarke Sensoren interessant sein.“ Auch in der Medizin gibt es Anwendungsmöglichkeiten. „In allen diesen Bereichen wird aus Verformung Energie gewonnen. Das Material, das wir analysiert haben, kann dafür verwendet werden“, sagt Deluca.


Zur Person
Marco Deluca (https://www.mcl.at/unternehmen/mitarbeiterinnen/mitarbeiterdetail/marco-deluca/) ist Materialforscher in der Mikroelektronik-Gruppe am Materials Center Leoben (https://www.mcl.at/) (MCL). Er leitet die Forschungsgruppe für funktionale Materialien, die sich besonders für die strukturellen Eigenschaften von Halbleitern und Keramiken sowie für die Abscheidung dünner Oxidschichten mittels kostengünstiger Sprühverfahren interessiert. Deluca leitet aktuell ein weiteres FWF-Projekt über Relaxor-Materialien, welche eine ungeordnete Art von ferroelektrischen Keramiken sind. Im Projekt, das bis Ende 2019 läuft, wird eine Kombination von Raman-Spektroskopie und atomistischer Modellierung angewendet, um Struktur-Eigenschaft-Beziehungen in Relaxoren zu ermitteln, letztlich mit dem Ziel, den atomistischen Grund von Relaxor-Eigenschaften zu enthüllen. Marco Deluca ist auch Privatdozent an der Montanuniversität Leoben.

Publikationen
P. Kaufmann, S. Röhrig, P. Supancic, and M. Deluca: „Influence of ferroelectric domain texture on the performance of multilayer piezoelectric actuators“ (http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0955221916306823?via%3Dihub), Journal of the European Ceramic Society 37, 2017

G. Esteves, C. Fancher, S. Röhrig, G. Maier, J. Jones, M. Deluca: „Electric-field-induced structural changes in multilayer piezoelectric actuators during electrical and mechanical loading“ (http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1359645417302963), Acta Materialia 132, 2017

S. Röhrig, C. Krautgasser, R. Bermejo, J. L. Jones, P. Supancic, and M. Deluca: „Quantification of crystalline texture in ferroelectric materials by polarized Raman spectroscopy using Reverse Monte Carlo modelling“ (http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0955221915300868?via%3Dihub), Journal of the European Ceramic Society 35, 2015

Bild und Text ab Montag, 30. Oktober 2017 ab 9.00 Uhr MEZ verfügbar unter: http://scilog.fwf.ac.at

 

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8700 Leoben
T +43 / 3842 / 45922 – 530
M +43 / 0664 2604 373
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Wiener Schimpfkultur: Seavas, Wappler!

Die Germanistin Oksana Havryliv untersucht mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF das Phänomen des Schimpfens bei den Wienerinnen und Wienern. Geschimpft und geflucht wird vor allem, um sich abzureagieren, quer durch alle Schichten und in jedem Alter. Erstmals hat die Wissenschafterin auch die Wahrnehmung der Betroffenen abgefragt.

Auffahren, schneiden, drängeln, ausbremsen. – Im Straßenverkehr gibt es täglich Situationen, die unseren Unmut erregen. Um dem Ärger Luft zu machen, hilft schimpfen und das fällt umso leichter, wenn man alleine im Auto sitzt. „Verbale Aggression kommt beim Autofahren tatsächlich am häufigsten vor“, bestätigt Oksana Havryliv von der Universität Wien. Die indirekte Form, wenn es kein direktes Gegenüber gibt, ist mit 68 Prozent insgesamt die häufigste Art, seinen Emotionen verbal freien Lauf zu lassen. Zu dieser Form zählt auch die Aggression in Gedanken, wenn beispielsweise direkte Beschimpfung nicht ohne Konsequenzen bleiben würde, wie im Gespräch mit Vorgesetzten, Geschäftspartnerinnen und -partnern oder Kundinnen und Kunden.

Reinigende Funktion im Vordergrund

Aufbauend auf ein Lise-Meitner-Projekt des Wissenschaftsfonds FWF hat die Germanistin Oksana Havryliv am Institut für Germanistik im Rahmen des FWF-Frauenförderprogramms Elise-Richter Daten aus 36 Interviews und mehr als 200 Fragebögen erhoben. In dem vor Kurzem abgeschlossenen Projekt „Verbale Aggression und soziale Variablen“ befragte Havryliv Personen jeden Alters (von 13 bis 80 Jahren), quer durch alle Schichten und gleichmäßig nach Geschlecht (50:50) aufgeteilt.

Entgegen der bisherigen Meinung in der Wissenschaft, die das Schimpfen, Fluchen, Verwünschen oder Drohen als Gewaltmittel betrachtete, um andere zu beleidigen oder zu kränken, legen die Untersuchungen der Nachwuchsforscherin rund 20 Funktionen und dabei vor allem produktive Aspekte des Schimpfens offen. Ihre Hypothese, dass das Schimpfen eine kathartische Funktion hat, konnte Havryliv bereits 2009 bestätigen. Die gewalttätige oder beleidigende Intention spielt hingegen damals wie heute für nur 11 Prozent der Befragten eine Rolle. Im Laufe der sieben Jahre, in denen die Forscherin zwei große Umfragen durgeführt hat, zeigt der Vergleich, dass die Rolle der wichtigsten Funktion verbaler Aggression – das Abreagieren negativer Emotionen – von 64 Prozent auf 73 sogar zugenommen hat, während der scherzhaft-kosende Gebrauch von 25 auf 16 Prozent gesunken ist.

Scherzhafter Gebrauch nimmt ab

Der scherzhafte Umgang (fiktive verbale Aggression) mit Schimpfwörtern ist besonders unter Freunden beliebt, signalisiert Verbundenheit und findet sich zum Beispiel bei der Begrüßung unter Jugendlichen wieder: „Seavas, du Wappler“. Dieser Aspekt des Schimpfens verweist auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes: Im Alt- und Mittelhochdeutschen bedeutete es „scherzen“ und „spielen“, erst später „verspotten“. Insgesamt verwenden Jugendliche aggressive Sprache bewusster, das heißt, intentionaler als Erwachsene. Hier übernimmt „grobe Sprache“ unterschiedliche Funktionen: um sich als Überlegen zu positionieren, von anderen abzugrenzen, einander zu bestärken, um neue Mitschülerinnen und -schüler oder auch Erwachsene gezielt zu provozieren etc.

In anderen Fällen erfüllt der scherzhafte Gebrauch von pejorativer Lexik, also Schimpfwörtern, eine verstärkende Funktion, um Trost oder Bewunderung auszudrücken wie etwa in dem anerkennenden „Du Luder!“ oder „Du gutmütiger Depp!“. Dass der humorvolle Gebrauch zugunsten des Abreagierens negativer Emotionen abgenommen hat, ist unter anderem auf sich verändernde Gesellschaftsverhältnisse vor dem Hintergrund von Migration zurückzuführen. So gaben vor allem ältere Personen an, sie würden im Vergleich zu früher davon Abstand nehmen, sich im öffentlichen Raum verbal aggressiv zu äußern, „da man nicht weiß, wie andere darauf reagieren“.

Sozialer Status, Geschlecht und Wahrnehmung

„Frauen verwenden mehr Ausdrücke mit höherer Bildkraft und reflektieren ihr Verhalten stärker“, fasst Havryliv die Ergebnisse in Bezug auf Geschlechteraspekte zusammen. „Dass Frauen verstärkt zur Selbstreflexion neigen, zeigt sich sowohl in den Kommentaren der Fragebögen als auch in den Emotions- und Situationsthematisierungen.“ Hier geht es vorrangig darum, indirekt Grenzen aufzuzeigen mit Formulierungen wie „Ich flipp aus!“, „Mich zerreißt’s gleich!“ oder „Das ist wirklich das Letzte!“. Bei Männern sind Beschimpfungen eher direkt und etwa an Gegenstände wie Computer oder das Auto gerichtet. – Grundsätzlich aber gilt, geschimpft, geflucht oder gelästert wird in allen Schichten, egal ob mit Hochschulabschluss oder niedrigem Bildungsniveau. Aufgefasst wird das von den Betroffenen hingegen unterschiedlich. Frauen kränkt es eher, wenn ihr Aussehen beleidigt wird. Männer reagieren empfindlich, wenn ihre Leistung, ob beruflich oder sexuell, hinterfragt wird.

Selbstaggression und verbale Gewalt

Nicht selten sind Wut und Ärger auch gegen sich selbst gerichtet. Hier wurde bis dato die These vertreten, dass Selbstaggression bei Frauen häufiger vorkommt. Havrylivs Daten haben das allerdings nicht bestätigt. „Sowohl Frauen als auch Männer neigen im gleichen Maße zu Selbstbeschimpfungen“, erklärt die Wissenschafterin.   

Wichtig ist der Forscherin, eine Trennlinie zwischen verbaler Aggression und verbaler Gewalt zu ziehen. – Da die beiden Begriffe oft als synonym betrachtet werden. „Verbale Gewalt ist ein breiteres Phänomen, die ausgeübt werden kann, ohne aggressive Sprechakte zu gebrauchen.“ Um für solche Unterschiede zu sensibilisieren und die Wirkungen des eigenen Sprachgebrauchs zu reflektieren, hält Havryliv auch Workshops an Schulen ab. Damit sie diese auch weiterhin fortführen kann, hat die Germanistin soeben in dem Wissenschaftskommunikationsprogramm des FWF eingereicht.

Geschimpft wird im Dialekt

Oksana Havryliv beschäftigt sich bereits rund 20 Jahre mit dem Thema Schimpfkultur und hat ihren Fokus auf den Wiener Dialekt gerichtet. Als gebürtige Ukrainerin, die schon viele Jahre in Wien lebt, hat sie ein besonderes Gehör für die lautmalerischen Begriffe des Wienerischen entwickelt. Dass meistens im Dialekt geschimpft wird, sei naheliegend, erklärt sie: „Dort, wo man sich sprachlich Zuhause fühlt, ist es leichter, seinen Emotionen verbal nachzugeben.“ Dabei ist der Wiener Dialekt nicht nur eine gute Quelle für einschlägige Bezeichnungen, „besonders interessant ist auch der Kontakt zu anderen Sprachen wie zum Beispiel den slawischen“, sagt Havryliv. In Letzteren werden Schimpfwörter oft gebraucht, um einfach nur Pausen zu füllen. Dieser „expletive Gebrauch“ ist inzwischen auch im Deutschen, besonders bei Jugendlichen, üblich.


Zur Person
Oksana Havryliv (https://germanistik.univie.ac.at/personen/havryliv-oksana/) hat Germanistik in der Ukraine studiert. In den 1990er-Jahren kam sie mit einem Stipendium erstmals nach Wien und hat ihr Interesse für das Wiener Schimpfverhalten entdeckt. Sie promovierte über das Schimpfvokabular in der modernen Literatur etwa von Werner Schwab, H.C. Artmann und Thomas Bernhard. Anfang 2017 hat die Wissenschafterin die sozialen Dimensionen der verbalen Aggression im Rahmen eines Elise-Richter-Stipendiums (http://www.fwf.ac.at/de/forschungsfoerderung/fwf-programme/richter-programm/) des FWF am Institut für Germanistik der Universität Wien abgeschlossen.

Publikationen
Havryliv, Oksana: Verbale Aggression: das Spektrum der Funktionen (https://bop.unibe.ch/linguistik-online/article/view/3713). In: Linguistik Online Sprache und Gewalt/Language and Violence 3/2017, Band 82

Havryliv, Oksana: Aggressive Sprechakte: im Dienste der Empörung. In: Alexandra Millner, Bernard Oberreither, Wolfgang Straub (Hg.). Empörung! Besichtigung einer Kulturtechnik (https://www.facultas.at/list/9783708912431). Beiträge aus Literatur- und Sprachwissenschaft. Wien: Facultas, 2015

Havryliv, Oksana: Verbale Aggression. Formen und Funktionen am Beispiel des Wienerischen (https://www.peterlang.com/view/product/64026). Frankfurt am Main u. a.: Peter Lang, 2009

Bild und Text ab Montag, 23. Oktober 2017 ab 9.00 Uhr MEZ verfügbar unter: http://scilog.fwf.ac.at

 

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Absichtslose Ästhetik

Konrad Frey war ein Pionier. Er hat datenbasiert und wissenschaftsgetrieben Solarhäuser geplant und gebaut. Bekannt sind er und sein Werk nur wenigen. Das soll ein vom Wissenschaftsfonds FWF unterstütztes Projekt des Architekturtheoretikers Anselm Wagner ändern.

 

„Die Architektur Konrad Freys zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihre Form aus der Funktion heraus entwickelt“, sagt der Grazer Kunsthistoriker und Architekturtheoretiker Anselm Wagner. Die Arbeit des 1934 in Wien geborenen und später in Graz und London tätigen Architekten zeichnet sich durch noch mehr aus –, sie ist Sonnenhausarchitektur im besten Sinne des Wortes. Bereits 1972 hat Konrad Frey zusammen mit Florian Beigel das erste Solarhaus Österreichs entworfen. – Basierend auf seinen wissenschaftlichen Arbeiten zur Nutzung der Sonnenenergie seit Ende der 1960er-Jahre.

Frey war zweifellos ein Pionier und ist dennoch weitgehend unbekannt. „Graz ist für die Grazer Schule bekannt, wie sie Friedrich Achleitner genannt hat, und für die Dekonstruktivisten wie Günther Domenig“, erläutert Wagner, der aktuell das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Forschungsprojekt „Die Solarhäuser von Konrad Frey: Umweltforschung und solares Wissen im Entwurf“ an der Technischen Universität (TU) Graz leitet. Konrad Frey ist kein Dekonstruktivist. Er sei, betont Wagner, auch kein zeichnender Architekt, vielmehr ein Forschender.

Als Architekt übersehen

Ein Forschender, der nur wenig gebaut hat, und das noch dazu meist am Rand, in der Provinz. Abseits der Metropolen, fern der stark befahrenen Wege. „Hätte er in Wien gearbeitet, wären seine ersten Arbeiten im Umfeld der Stadt entstanden, seine Architektur wäre längst schon Gegenstand der Forschung“, ist Anselm Wagner überzeugt.

In den vergangenen Jahren nimmt die Debatte um Nachhaltigkeit an Fahrt auf. Doch, kritisiert Wagner, drehe sie sich in erster Linie um Ökonomie und Ökologie. Nicht aber um die Architektur. „Das hat Folgen für die Landschaft, in Form uninspirierter Null-Energie-Häuser. Die Ästhetik wird vollkommen außer Acht gelassen“, kommentiert Wagner. Dabei finden wissenschaftliche Erkenntnis, Stilempfinden und ökologischer Anspruch durchaus zusammen. Das zeigen die Arbeiten Freys, der in den 1970ern am Grazer Forschungszentrum Joanneum die Energieberatung aufbaute.

Versuchsstation der Energiegewinnung

Das Haus Zankel nahe Genf und doch schon in Frankreich, in Prévessin, plante Frey ab 1976 für den damaligen CERN-Physiker Karl Zankel. Es ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich, ist eine ausdrucksvolle Raumskulptur, ein Solarlabor, eine Versuchsstation. Es vereint aktive und passive Gewinnung von Solarenergie und funktionelle Technikbegeisterung mit postmodernem Witz. „Frey hat, wie gesagt, aus der Funktion heraus seine Formen gefunden. Er konnte gar keine Schule begründen. Es gibt keine Linie, kein Design, das er geprägt hat“, erklärt Wagner. Vielmehr handle es sich bei den Bauten des Energieberaters um eine absichtslose Ästhetik. Wesentlich sei indes der Begriff des ‚Environments‘, erklärt Forschungsleiter Wagner. „In dem Sinne, dass für Frey ein Haus nicht nur eine Wohnmaschine ist, sondern den physischen und psychischen Bedürfnissen seiner Bewohner ebenso entsprechen muss, wie es sich in seine Umgebung einfügt.“

Das Projekt sucht nun die Detailarbeit des Architekten festzuhalten, seine Zugänge freizulegen und die Übersetzung von Erkenntnis in Raumgestaltung nachvollziehbar zu machen. „Frey hat einen stark wissenschaftlichen Ansatz in seiner Architektur“, betont Wagner. Das unterscheide ihn von seinen Grazer Zeitgenossen und Kollegen.

Anspruchsvoll und günstig

Was ihn wiederum mit ihnen verbindet, ist die Eigenschaft konsequenten Querdenkens. In seinem jüngsten Bau, seinem Privathaus, setzte Konrad Frey ausschließlich Standardbauelemente aus dem Baumarkt ein. „Er wollte damit“, erklärt Wagner, „belegen und beweisen, dass es möglich ist, günstig und mit gängigen Elementen ein Solarhaus zu errichten. Ein anspruchsvolles Solarhaus.“

Basierend auf dem Vorlass Freys, der dem Archiv der TU Graz zur Verfügung steht, wird das laufende Forschungsprojekt noch bis 2019 durch die Auswertung unveröffentlichter Quellen, neuer Daten, vom Institut für Bauphysik und Bauökologie der TU Wien durchgeführte Messungen und Neukonzeptionen der Energieeffizienz ein Online-Werkverzeichnis und eine Monografie erstellen. Das Verzeichnis soll bereits ab Ende 2017 online gehen. Damit wird Frey auch als, wenngleich höchst eigenständiger Teil der Grazer Schule gewürdigt werden.

Zur Person
Nach Lehraufträgen an der Universität für angewandte Kunst Wien, der Universität Mozarteum Salzburg, der Universität Wien und der Universität Graz sowie Gastprofessuren unter anderem an der TU Wien, der TU Graz und der University of Minnesota ist Anselm Wagner (http://akk.tugraz.at/team/anselm-wagner/) seit 2010 Universitätsprofessor und Vorstand des Instituts für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften an der TU Graz.

Publikationen
M. Schuss, U. Pont, M. Taheri, C. Lindner, A. Mahdavi: „Simulation-assisted monitoring-based performance evaluation of a historically relevant architectural design“, in: Building Simulation Applications Proceedings 3 (2017), Hg. v. M. Baratieri, V. Corrado, A. Gasparella, F. Patuzzi, ISSN: 2531-6702, Paper-Nr. 78

Bild und Text ab Montag, 16. Oktober 2017 ab 9.00 Uhr MEZ verfügbar unter: http://scilog.fwf.ac.at


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